(1) Kirche Jesu Christi geschieht in vielfältigen Formen kirchlichen Lebens. Sie eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Die Landeskirche unterstützt und fördert diese Formen und ihre Zusammenarbeit.

(2) Rechtliche Gestalt gewinnt kirchliches Leben insbesondere in den Kirchengemeinden und ihren Verbänden, in den Kirchenkreisen und ihren Verbänden, in der Landeskirche und ihren jeweiligen Einrichtungen sowie in den diakonischen und anderen Einrichtungen, die der Landeskirche nach kirchlichem Recht zugeordnet sind.

(3) Kirchliches Leben geschieht auch in nicht rechtlich verfasster Form. Dazu gehören Formen gemeindlichen Lebens in besonderen Lebenssituationen, an besonderen Orten, in Gemeinschaften mit besonderem geistlichem Profil sowie in Gemeinden auf Zeit.

(4) Die verschiedenen Formen kirchlichen Lebens bilden als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit.

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Erläuterungen zu Artikel 3

Der Artikel ist neu. Nachdem der Artikel 2 zunächst von den einzelnen Mitgliedern der Kirche spricht, benennt Artikel 3 die verschiedenen gemeinschaftlichen Formen des Lebens der Kirche.

Absatz 1

Absatz 1 setzt bewusst mit einer großen Offenheit an: Kirchliches Leben geschieht in sehr vielfältigen Sozialformen, die unterschiedliche Zugänge zum Glauben ermöglichen.

Hier ist an die bestehenden parochialen Kirchengemeinden gedacht, deren Bedeutung in keiner Weise in Frage gestellt wird. Im Blick sind aber auch andere heutige und zukünftige Sozialformen kirchlichen Lebens, die es auf allen Ebenen gibt, auf der Ebene der Landeskirche, der Sprengel, der Kirchenkreise, der Kirchengemeinden, aber auch in der Verbindung mit kirchlichen und diakonischen Einrichtungen – und auch unabhängig davon. Dabei handelt es sich auch, aber nicht nur um vielfältige Formen von Gemeinde. Sie bilden sich etwa im Krankenhaus, in der Schule, unter Migrantinnen und Migranten sowie um kirchliche Bildungseinrichtungen, Klöster oder am Urlaubsort. Auch andere Formen von fresh expressions of church, wie sie durch den aus England inspirierten Prozess Kirche2 in der Landeskirche erprobt werden, sind hier im Blick. Gedacht ist hier sowohl an rechtlich verfasste Formen als auch an nicht rechtlich verfasste Bewegungen, Gemeinschaften und Gruppen, die im Weiteren je für sich näher behandelt werden. Der Absatz schließt mit der programmatischen Selbstverpflichtung der Landeskirche, die verschiedenen Formen zu fördern und zu unterstützen.

Absatz 2

Absatz 2 benennt die rechtlich verfassten Formen, und zwar zunächst die verschiedenen Körperschaften des öffentlichen Rechts und ihre Einrichtungen und Verbände: die Kirchengemeinde als „Grundbaustein“ des kirchlichen Lebens (dazu Artikel 17), Kirchenkreis und Landeskirche. Weiterhin werden auch die rechtlich selbständigen und privatrechtlich verfassten Einrichtungen vornehmlich der Diakonie genannt, „die der Landeskirche nach kirchlichem Recht zugeordnet sind“. Mit der Zuordnung, die in Artikel 60 näher beschrieben wird, erkennt die öffentlich-rechtlich verfasste Kirche an, dass die in Absatz 1 erwähnte Vielfalt der Formen kirchlichen Lebens auch diakonische und andere Einrichtungen umfasst. Zugleich legt sie damit die Grundlage dafür, dass der Staat diese Einrichtungen in den Schutzbereich der staatskirchenrechtlichen Gewährleistungen des Grundgesetzes einbezieht.

Absatz 3

Absatz 3, der neu in der Kirchenverfassung ist, beschreibt die nicht rechtlich verfassten Formen kirchlichen Lebens, die einen wichtigen Beitrag zum Leben der Kirche leisten. Deshalb werden sie in der Verfassung ausdrücklich genannt und damit auch gewürdigt, auch wenn sie sich einer weiteren rechtlichen Regelung gerade entziehen. Auch auf sie bezieht sich aber die Verpflichtung aus Absatz 1, sie zu fördern und zu unterstützen.

Kirchliches Leben in nicht rechtlich verfasster Form geschieht auf allen Ebenen, manchmal auch nur punktuell, nicht dauerhaft. Nicht alles muss und sollte man „Gemeinde“ nennen. Besonders im Blick sind hier aber doch verschiedene Formen von Gemeinde bzw. gemeindlichem Leben. Ausdrücklich genannt werden „Formen gemeindlichen Lebens in besonderen Lebenssituationen“ (z.B. am Studienort in der Hochschulgemeinde), an besonderen Orten (z.B. im Krankenhaus oder in der Schule), in Gemeinschaften mit besonderem geistlichem Profil (besonders in Kommunitäten oder Klöstern, aber auch in geistlichen Freundeskreisen, die sich oft über viele Jahre regelmäßig treffen) sowie in Gemeinden auf Zeit – besonders am Urlaubsort, aber auch überall, wo sich bei Veranstaltungen Christinnen und Christen für eine begrenzte Zeit zusammenfinden.

Absatz 4

Absatz 4 stellt heraus, dass alle Formen kirchlichen Lebens – die rechtlich verfassten ebenso wie die nicht rechtlich verfassten – als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Diese Formulierung knüpft an Artikel 3 Absatz 1 der Verfassung der EKM an. Es geht hier primär darum, die geistliche Verbundenheit der verschiedenen Formen kirchlichen und gemeindlichen Lebens zu betonen, die aneinander gewiesen sind und sich mit ihren verschiedenen Gaben achten, ergänzen und fördern sollen. Festgeschrieben wird auch die Verpflichtung der Landeskirche, diese Zusammenarbeit und Vernetzung zu fördern und zu unterstützen – eine der wichtigen Funktionen einer Landeskirche gegenüber den Gemeinden und anderen Formen kirchlichen Lebens.

Rechtlich wird mit diesen Aussagen zugleich die Grundlage für ein kirchenspezifisches Verständnis des Verhältnisses zwischen den kirchlichen Handlungsebenen gelegt, wie es in Artikel 14 näher entfaltet wird. Dieses Verständnis unterscheidet sich gerade wegen des Gedankens der Zeugnis- und Dienstgemeinschaft vom Verständnis des staatlichen Verfassungsrechts, das unterschiedliche Wirkungskreise von Bund, Ländern und Gemeinden kennt und dementsprechend ein grundrechtsgleiches Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden vorsieht (Artikel 28 Absatz 2 des Grundgesetzes).

 Die in dem gesamten Artikel vollzogene Öffnung des Begriffs der Gemeinde wird zurzeit in vielen Landeskirchen innerhalb der EKD bedacht, sachlich gefördert und rechtlich ermöglicht, zuletzt etwa durch Beschlüsse der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Entwicklung und die theologische und rechtliche Debatte sind nicht abgeschlossen. Die Formulierungen der neuen Verfassung möchten Entwicklungen in der Zukunft ermöglichen und Räume für Initiativen innerhalb der Kirche öffnen.


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15 Kommentare

  1. zu 3/2: Gewinnt das kirchliche Leben seine rechtliche Gestalt auch im Jugendverband Evangelische Jugend, der rechtlich als Zuschußnehmer und Zuschußgeber ja immerhin auftritt und eine eigene verfasste Ordnung hat? Und wenn ja, warum ist er hier als landeskrichlicher Verband nicht mit genannt?

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  2. Art. 3 (2) Ich wünschte mir in diesem Artikel auch ein explizites Bekenntnis zur Subsidiarität. Angesichts der Größe der Landeskirche und einem damit verbundenen unvermeidbarem Machtgefälle (das Geld wird nun mal stufenweise von oben nach unten verteilt) ist es unbedingt notwendig darauf zu achten, das die jeweils unteren Ebenen stark gemacht werden für das, was sie gut selbst machen können; und zwar so viel wie möglich. Hieran hängt das Selbstverständnis evangelischer Kirche und ihre Glaubwürdigkeit, auch tatsächlich Beteiligungskirche zu sein. Theologisch gesehen ist Kirche zwar auf allen Ebenen in gleicher Weise Kirche, aber ein Priestertum aller Gläubigen im Sinne von verantwortlicher Teilnahme und Gestaltung lässt sich am ehesten dort verwirklichen, wo die Strukturen überschaubar sind.

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  3. Michel Youssif für die Internationale Konferenz Christlicher Gemeinden (IKCG)

    Als Vertreter internationaler Gemeinden begrüßen wir es, dass sich die Landeskirche bewusst für eine Vielfalt der Formen kirchlichen Lebens öffnen will und mit Artikel 3 in der neuen Verfassung dafür einen Akzent setzt.

    1.) Christen aus aller Welt wollen als Geschwister im Glauben durch die etablierte Kirche wahrgenommen werden. Sie sind mit ihrer Vielfalt ein Hinweis darauf, dass auch die Einwanderung die Kirche in Deutschland prägt und sie in ihrer Dynamik weiter verändern wird. Dabei sind die Formen kirchlichen Lebens in unseren Gemeinden bunt und auch die Zusammenarbeit mit landeskirchlichen Gemeinden kann sehr unterschiedlich aussehen.
    2.) Während in Deutschland viele sogenannte „Gemeinden anderer Sprache und Herkunft“ (GaSH) im freikirchlichen Raum eine Heimat finden, gibt es auch solche, die als Gruppen oder Gemeinden weiter eng mit der Landeskirche zusammenarbeiten und sich vorstellen können, noch enger mit landeskirchlichen Gemeinden zusammenzuwachsen. Dies trifft auf einige Gemeinden der IKCG auch zu. In der Formulierung in Absatz 3 („Formen gemeindlichen Lebens in besonderen Lebenssituationen, an besonderen Orten, in Gemeinschaften mit besonderem geistlichem Profil“) finden wir uns in unserer Situation als sich verändernde Gemeinden wieder.
    3.) Für die spätere Umsetzung der neuen Kirchenverfassung wünschen wir uns, dass Modelle in den Blick genommen werden, wie eine Zusammenarbeit zwischen Landeskirche und internationalen Gemeinden künftig konkret umgesetzt werden kann: Von der Kooperation oder Assoziierung selbständiger Gemeinden mit der Landeskirche, über die Integration von internationalen Gruppen in Kirchengemeinden bis hin zur Entwicklung landeskirchlichen Gemeinden mit einem bewusst internationalen / interkulturellen Profil.

    Michel Youssif (Vorsitzender IKCG)
    Woldemar Flake (stellv. Vorsitzender IKCG)

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  4. Gemeindliches Leben gebe es auch in „nicht rechtlich verfasster Form“. Als Beispiel werden ausdrücklich angeführt: gemeindliches Leben in besonderen Lebenssituationen, an besonderen Orten etc.
    Was gemeint ist mit „nicht rechtlich verfasste Form“ bleibt undeutlich und wird noch undeutlicher, wenn dann in Art. 17 erklärt wird, die Kirchengemeinde sei eine „rechtlich verfasste Gemeinschaft“ (Abs. 1) und wenn unter diese rechtlich gefasste Gemeinschaft dann ausdrücklich auch die Personalgemeinde gezählt wird (Abs. 2), die wiederum nichts anderes zu sein scheint als die Gemeinde „in besonderen Lebenssituationen, an besonderen Orten etc.“

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  5. Absatz 2… rechtliche Gestalt
    Absatz 3… nicht rechtlich verfasste Form
    Warum unterschiedliche Begriffe? Rechtliche Gestalt und nicht rechtliche Gestalt? Gerade wenn sonst so opulent und fast schon als Hypostase verklärt von den „Formen“ die Rede ist, sollte man sprachlich exakt sein. Aber diese eigenartige Sprache könnte darauf hindeuten, dass auch inhaltlich nicht klar ist, was man denn eigentlich sagen will.
    Dieselbe Opulenz in der Sprache: Rechtliche Gestalt gewinnt kirchliches Leben. Inhaltlich wie sprachlich Unsinn. Rechtliche Gestalt wird im Rahmen von menschlicher Rechtssetzung erarbeitet. Dieselbe Vollmundigkeit wie oben bei den Formen: „Kirchliches Leben“ wie eine Hypostase: „gewinnt“. Gesetze werden gemacht, von Menschen. Und dann sollte man das auch so schreiben.

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  6. Ein zweiter Gedanke:Die „Formen“ sollen zusammenarbeiten, die „Formen“ eröffnen Zugänge zum Glauben, die „Formen“ bilden eine innere und äußere Einheit.
    Normalerweise arbeiten Menschen zusammen. Und sie dürfen sich über die Gaben des/r jeweils anderen freuen, einander wertschätzen und fördern. Das Gerede von den „Formen“ ist m.E. unglücklich.

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    • Das empfinde ich ebenso als sprachlich sehr eigenartig!

      Mir ganz fehlt ganz, was ich von meiner Landeskirche wünsche (und im Sinne von „Kirchehochzwei“ erwarte!), dass sie Räume öffnet für Experimente und dass auch das eventuelle Scheitern-Dürfen benannt wird.

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      • Gerade dafür ist der Artikel 3 eingefügt worden.

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  7. Kirchliches Leben: Warum dieses Klischee a la Wirtschaftsleben, Kulturleben, Vereinsleben,Musikleben, Theaterleben….? Man könnte bescheidener von kirchlicher Arbeit o.ä. sprechen.

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    • Kirchliche Arbeit verengt sich auf das, was Mitarbeiter tun, vor allem Hauptamtliche. Das wird künftig nicht ausreichen.

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      • Was sagt das Klischee a la „Vereinsleben“ mehr ? (Als Gag: versuchen Sie es doch mal in neutestamentlichem Griechisch zu formulieren.) Ich bin seit über 30 Jahren in kirchlicher Arbeit in aller Vielfalt, von Gemeindearbeit, Notfallseelsorge,Feuerwehr, Kinderkathedrale, Musik etc. Kirchliche Arbeit reicht vollkommen.

        Versuchen Sie es doch mal positiv zu sagen, warum Sie gerade diesen Ausdruck brauchen. Nach meinen Erfahrungen werden diese nebulösen Ausdrücke gebraucht, wenn man seinem Tun, dem Tun seiner Gruppe, seines Vereins eine höhere Weihe zusprechen will.
        Übrigens könnte es kreativ sein mal den Gegenbegriff zu bilden: Kirchliches Sterben. Auch damit haben wir massiv zu tun. Mit Abbrüchen, Sterben von Traditionen, von Gruppen, Abrissen, Veränderungen im gesellschaftlichen Kontext. Ihr Einwand überzeugt nicht.

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      • Ich erweitere meinen Beitrag noch einmal.
        „Kirchliches Leben“ kommt im NT nicht vor, weil der auferweckte Herr es ist, der lebt. Und sein lebenschaffendes Tun kann sehr unterschiedlich erfahren werden. Auch als „zunichte machen“, siehe das griech. Wort katargein nur mal in Röm 6 und 1. Kor 15. Beauftragung und Indienststellung können als neue Existenz erlebt werden. Und die kann damit zu tun haben, dass auch altes stirbt. Auch die noch so heiligsten Formen, die sich eine Kirche ausdenkt. Deswegen sollte man das Klischee vom sogenannten kirchlichen Leben vermeiden.

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  8. Die Beauftragten für Kirche und Schule befürworten das in der neuen Kirchenverfassung explizit erweiterte Verständnis kirchlichen Handelns. Damit wird kirchliches Handeln am Lernort Schule gewürdigt.

    1. Kirche am Lernort Schule wird zu den vielfältigen Formen kirchlichen Lebens gezählt, die unterschiedliche Zugänge zum Glauben eröffnen. (vgl. Art. 3,1 + Erläuterung)

    2. Kirche am Lernort Schule wird mit der neuen Verfassung allerdings keine rechtliche Gestalt zugesprochen, anders als den diakonischen Einrichtungen (vgl. Art.3,2) und den Einrichtungen der Landeskirche (genannt unter Art. 60, Erläuterungen zu Absatz 2) wie z.B. dem Schulwerk.

    3. Kann es sein, dass Kirche am Lernort Schule keine rechtliche Gestalt bekommen kann, weil sie sich im öffentlichen Raum ereignet?

    4. Hieran knüpft sich die Frage, welchen kirchlichen Auftrag die pfarramtlichen Dienste – aus kirchlicher Sicht – im öffentlichen Raum wahrnehmen?

    5. RU darf weder gemeindebildend noch missionarisch angelegt sein. Aber wie verhält es sich mit kirchlichem Leben in Schule, wie beispielsweise Gottesdiensten, Schulseelsorge, diakonische Lernanlässe und Kasualien?

    6. Angeregt durch die Verfassungsdiskussion schlagen wir vor, dass SchulpastorInnen verstärkt ihren Auftrag und ihr Selbstverständnis an der Schnittstelle von Kirche und öffentlichen Raum reflektieren und diskutieren (Kirche auf der Grenze?).

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  9. Diese Vielfalt ist grundsätzlich erstrebenswert. Für mich war auch eine etwas unabhängigere Jugendarbeit in einer Nachbargemeinde besonders wichtig. Trotzdem müssen schon allein aus praktischen/ organisatorischen Gründen (z.B. Verteilung der Finanzmittel, Wahlen) ziemlich verbindliche „Basiseinheiten“ = Gemeinden bleiben. Und auch, damit nicht in der rechtlich nicht verfassten Vielfalt jemand nirgends mehr dazu gehört.

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  10. Absatz 2, Den Beginn des zweiten Satzes empfinde ich als sprachlich holprig. Vorschlag: Diese (statt: sie)eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Die Landeskirche unterstützt und fördert die Vielfalt solcher Formen (statt: diese Formen)und ihre Zusammenarbeit.

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